Nagelsmann unter Druck: Deutschland will nach zwei Vorrunden-Aus zurück auf den Titelweg
Zweimal hintereinander – 2018 in Russland und 2022 in Katar – ist die DFB-Elf in der Gruppenphase ausgeschieden. Mit Julian Nagelsmann auf der Bank und einer Generation um Wirtz, Musiala und Havertz soll in Nordamerika die Trendwende kommen.
D ie nüchterne Statistik zuerst: Deutschland ist seit 2014 ohne K.-o.-Sieg bei einer Weltmeisterschaft. Acht Jahre nach Maracanã und einem Tor von Mario Götze in der Verlängerung gegen Argentinien hat die Nationalmannschaft kein einziges WM-Spiel mehr gewonnen, in dem es um den Einzug in die nächste Runde ging. 2018 und 2022 reichte es nicht einmal bis zur K.-o.-Phase. Die WM 2026 ist der Versuch, diese Geschichte zu beenden.
Julian Nagelsmann übernahm im Herbst 2023 als Nachfolger von Hansi Flick. Sein Auftrag war einfach formuliert und schwer auszuführen: Stabilität wiederherstellen, eine Generation integrieren, und die Erwartungshaltung kontrollieren, die in Deutschland nach zwei Vorrundenpleiten zwischen Resignation und Reizbarkeit pendelt. Die EM 2024 im eigenen Land endete im Viertelfinale gegen Spanien – ein anständiges Ergebnis, das niemand als Aufbruch verkaufen wollte und auch nicht musste.
Sportlich steht die Mannschaft ordentlich da. Manuel Neuer hat die Nummer eins an Marc-André ter Stegen abgegeben. In der Innenverteidigung führen Antonio Rüdiger und Nico Schlotterbeck. Joshua Kimmich orchestriert das Mittelfeld. Davor entscheidet die Mischung aus Florian Wirtz, Jamal Musiala und Kai Havertz über die Tornähe. Bayer Leverkusens Doppelmeister-Achse, Bayerns Talent und Arsenals Universalist – auf dem Papier eine Achse, die jede Top-Acht-Diskussion gewinnt.
Das Vorhersagemodell von worldcupglobal.com sieht Deutschland aktuell auf Platz sieben der Titelfavoriten: 6,0% Wahrscheinlichkeit auf den Pokal, basierend auf 20.000 Monte-Carlo-Simulationen. Das ist ein Schritt nach vorn gegenüber den Erwartungen vor zwei Jahren, aber weit hinter dem historischen Anspruch. Vor Deutschland: Argentinien (15,9%), Spanien (11,9%), Frankreich (10,1%), Brasilien (8,4%), England (7,7%) und Portugal (6,5%). Das Halbfinale erreicht die DFB-Elf in 22% aller Simulationen – dort wird es interessant.
Die Auslosung ist gnädig ausgefallen. Gruppe E mit der Elfenbeinküste, Ecuador und WM-Debütant Curaçao bietet drei Gegner, die Deutschland in einem normalen Tag schlagen sollte. Auftakt am 14. Juni in Houston gegen die Elfenbeinküste, dann nach Toronto und Philadelphia. Anschließend wird der K.-o.-Pfad härter: ein Achtelfinale gegen einen Gruppendritten, dann mit hoher Wahrscheinlichkeit Brasilien oder Portugal im Viertelfinale.
Nagelsmann selbst hält sich mit Prognosen zurück. "Wir wollen ins Halbfinale, alles andere wäre eine Lüge", sagte er im April beim DFB-Workshop in Frankfurt. Halbfinale heißt zurück in die Reichweite. Halbfinale heißt eine deutsche Mannschaft, die in den letzten zwölf Jahren nicht mehr in der Endphase eines Weltturniers stand. Halbfinale heißt: die Geschichte zwischen 2014 und 2026 endlich zu Ende erzählen. 36 Tage bleiben.